Warum Ihnen kein Buch (und erst recht nicht diese Seite) bei der Befreiung hilft

Aus Büchern werden Sie keine Befreiung erfahren. Punkt. Tut mir leid, das so hart formulieren zu müssen, aber es ist Fakt. Es gibt wunderbare Bücher, die über Achtsamkeit sprechen, über die Bedeutung des Jetzt, über die Befreiung. Ich erinnere mich an einen Satz in einem Buch, der da sagte: „Du musst einfach loslassen und eintauchen in den Ozean der Befreiung!“.

Und ich dachte „Verdammt noch mal, wie denn? Ich würde ja gerne! Aber was genau soll ich wie loslassen? Und wo wohnt der Ozean noch mal?

normal_ob_dictionaryDas Problem bei diesen Tipps ist, dass die Wahrheit, die man in der Achtsamkeit findet, niemandem mitteilen kann. Natürlich kann ich versuchen, die Erfahrungen anderer auf einer geistigen Ebene zu erfassen. Ich kann versuchen es zu begreifen, zu verstehen. Und ich treffe regelmäßig Menschen, die mir unheimlich viel über die Befreiung erzählen können, weil sie unendlich viel darüber wissen. Ihnen fehlt aber jede Erfahrung.

Stellen Sie sich folgende Frage: Von allen Büchern, die Menschen geschrieben haben, die den Weg der Befreiung gehen – wie viele davon schreiben in ihren Büchern, dass sie die Befreiung durch Lesen von Büchern erfahren haben?

Datenhaftes Wissen, gedankliches Verstehen und geistiges Erfassen sind Merkmale des Denkens. Und das Denken ist der Haupthinderungsgrund Befreiung zu erfahren! Die Lücke zwischen den Gedanken ist die Zelle der Ruhe, die Gelegenheit eines Moments einen Teil der Wahrheit einfach zu erfahren. Alles, was ich persönlich als glasklare Wahrheit erkannt habe, ist plötzlich da gewesen.

Ein kleines Beispiel:

Vor einigen Jahren stieg ich an einem sonnigen Morgen in Köln/Deutz aus dem Zug. In diesem Moment geschahen zwei verwandt scheinende Änderungen in meinem Leben: Aus (sprichwörtlich) heiterem Himmel erkannte ich, daß ich frei bin. Daß es keine Zwänge gibt, die ohne mein Einverständnis auf mich wirken können. Diese Erkenntnis war einfach da.  Das Erlebnis war so prägnant, dass ich es nicht mehr vergessen werde.

Bhf DeutzDie zweite, damit eng verknüpfte Änderung war, daß ich tatsächlich seitdem frei bin. Es gibt also das Wissen darüber (aus der Erfahrung) und die Erfahrung selbst. Diese beiden Dinge mögen fast identisch erscheinen, als ob nur ein ganz kleiner Unterschied zwischen ihnen existiert. Doch der Unterschied ist riesig, wenn es um die Vermittlung dieser Erkenntnis geht:

Ich kann ihnen mein Wissen mitteilen, aber niemals meine Erfahrung.

Die Erfahrung der Freiheit entstand bei mir durch die Achtsamkeitsübungen und die Meditationsübungen meines Lehrers Rudi Baier. Die Freiheit entstand durch Jahre teilweise schmerzvoller Erkenntnis über mich (als Persönlichkeit), einer vorangegangenen Therapie, und letztendlich dem Sitzen und Beobachten, was gerade in diesem Moment ist. Durch das Erspüren des Körpers, des Atems, der Erdung. Dadurch erfuhr ich irgendwann die Freiheit.

Schon Jahre davor habe ich ein Buch über die Freiheit gelesen, das mich berührt hat (Heinz Körner: Johannes). Und trotzdem hat mich das Lesen der Freiheit nicht näher gebracht. Daher kann ich Ihnen nur empfehlen, lesen sie dieses schöne Buch nicht :).

Setzen Sie sich anstatt dessen kurz hin, atmen Sie tief und lassen Sie ihre Gedanken wie Schneeflocken zu Boden sinken. Hängen Sie den Gedanken nicht nach, lasse Sie sie ziehen. Das ist am Anfang unmöglich, dann wird es irgendwann schwierig, dann gelingt es ihnen regelmäßig, und irgendwann sind sie der Gefangenschaft der Gedanken entflohen.  Ob sie dabei sitzen und Atemübungen der Meditation machen, Yoga, Tai Chi, ein Gebet oder sonst etwas ist unerheblich. Es gibt so viele Übungen und Richtungen, die die Achtsamkeit pflegen, daß Sie freie Auswahl haben.

Sind Bücher damit sinnlos?

Nein, das sind sie nicht. Und den Johannes dürfen Sie auch lesen :). Denn Bücher können uns dazu motivieren, uns wieder der Achtsamkeit zuzuwenden, wenn wir sie verloren haben. Und oft haben Bücher bei mir den (fast überirdisch anmutenden) Effekt, daß ich oft eine beliebige Seite aufschlage und dort genau den Satz finde, den ich gerade brauche. Der mich nicht nur gedanklich beschäftigt, sondern mich zu meiner Mitte führt. Dies werden Sie bei Büchern erleben, die aus der Achtsamkeit geschrieben worden sind, nicht aus dem Denken.

Oft gibt es auch für manche Bücher eine passende Zeit, in der wir sie benutzen können. Manchmal ist es zu früh für ein Buch, denn es kann uns noch nichts sagen,  manchmal ist es zu spät, und es kann uns nichts mehr sagen. Und manchmal ist es genau der richtige Zeitpunkt und das Buch ist in diesem Moment wichtig und richtig.

Ein Punkt aber ist mir sehr wichtig, daher wiederhole ich ihn noch einmal:

Die Befreiung werden Sie nicht durch das Lesen der Bücher finden. Der Weg zur Befreiung ist unendlich viel einfacher, denn er führt durch einfache Achtsamkeit: Achten Sie darauf, was jetzt, in diesem Moment ist.

Mehr ist es nicht.

Samanera_(sculpture)

Über Steffen Rühl

Seit 28 Jahren beschäftige ich mich mit dem Spielen und Designen von Brettspielen, Rollenspielen und Videospielen. Mein Leben wird bereichert durch meine Familie und die Erfahrung der Meditation. Zu meinen Hobbys zählen Spiele, Fotografie, Musik und der kreative Ausdruck in allen Formen. alltagsmeditation.wordpress.com
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Eine Antwort zu Warum Ihnen kein Buch (und erst recht nicht diese Seite) bei der Befreiung hilft

  1. sophie0816 schreibt:

    wie wahr. ich finde so viele deiner worte in meinem leben wieder.

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