„Aus meinem Po wachsen keine Wurzeln!“

Wer sich neu mit der Meditation beschäftigt, der hat einige Hindernisse zu überwinden. Auf die letzte Übung erhielt ich einige Zuschriften mit Fragen, die ich aus eigener Erfahrung gut kenne.

  • 500px-Puzzled.svg„In den Boden atmen? Wie soll das denn gehen…?“
  • „Und die Energie spüre ich auch nicht!“
  • „Aus meinem Po wachsen keine Wurzeln!“
  • „Mein Körper soll leer werden – aber ich spüre nichts…“
  • „Mache ich etwas falsch?“

 

Hier gibt es zwei unterschiedliche Themen, die sich vermischen:

  • Vorweg genommene Resultate der Meditation
  • Übungen der Imagination als Aspekt einer Übung

1. Vorweg genommene Resultate

Ein Meditationslehrer mit Erfahrung wird früher oder später bei einer Übung ein Resultat der Meditationsarbeit vorweg nehmen. Für Sie oder Ihn ist die Übung und das Resultat nicht immer zu trennen.

Daher kommt es zu Sätzen wie „Dein Körper fühlt sich leer an“ oder „Du spürst die Energie aus dem Becken aufsteigen“. Pustekuchen. Nix fühlen wir, außer daß wir anscheinend etwas falsch machen, denn bei uns steigt nix auf und leer ist es auch nicht  – wir sind eher voll mit Gedanken, Verspannungen, Mechanismen.

Nun haben wir indirekt ein Ziel erfahren – denn eine „erfolgreiche Meditation“ (so wird es ein Anfänger bewerten) ist ab sofort mit den erwähnten Empfindungen der Leere oder der Energie verbunden.

Eine zielgerichtete Meditation ist aber nicht möglich.

LichstrahlEine kleine Anekdote zur Veranschaulichung: In der Meditation gibt es eine Ebene des Lichts. Da ich in den Übungen davon gehört habe, wartete ich auf dieses Licht. Natürlich kam es nicht, denn ich war ja nicht am meditieren, sondern am Warten. Dann, eines Tages wurde es während der Meditation strahlend hell. Eine Wärme durchströmte mich. Gefolgt von einer großen Enttäuschung, denn als ich die Augen öffnete bemerkte ich, daß die Sommersonne durch ein kleines Fenster genau auf meinen Kopf fiel. So weit zur Wahrnehmung des Lichts :).

Die Resultate der Meditation können wir nicht erzwingen, nicht zielgerichtet erreichen und es gibt nur eines, was wir tun können: Wahrnehmen, was gerade ist. Im Beispiel des Lichtstrahls war ich wach genug, die Enttäuschung wahr zu nehmen. Dann achtete ich auf die Enttäuschung und spürte hinter der Enttäuschung meine Anforderung an mich selbst, gut zu sein in der Meditation. Ich wünschte den Erfolg herbei. Hinter dem Wunsch gut zu sein, steckte die Angst, nicht gut zu sein. Ich fühlte eine Emotion, die in mir drin war und nicht durch die Übung entstanden ist – ein Gefühl der Wertlosigkeit, dahinter ein Gefühl der tiefen Trauer und eine sehr grundlegende Angst. Die Wahrnehmung dieser Emotionen und Ängste ist Meditation – bei dieser Angst zu bleiben und sie einfach wahr zu nehmen und zu belassen. Das ist erst mal (im besten Falle) unangenehm, aber dadurch kann die Angst sich auflösen – nicht weil wir es wollen (das hatte ich die Jahre zuvor erfolglos probiert) sondern weil wir uns der Angst hin geben, so weit wir das zulassen können. In der Meditation ist es auch egal, woher diese Angst kommt – das ist eine Aufgabe im Bereich der Therapie und dort auch sehr sinnvoll, denn durch Therapie können wir einige Ängste effizienter integrieren als auf dem Weg der Meditation alleine.

Daher mein Rat, die Resultate einer Meditation (Das Licht! Die Energie! Die Leere!) von denen ihr erfahrt, nicht zu verfolgen. Wenn euch dies nicht gelingt, dann sollte dieses Nicht-Gelingen der Fokus eurer Wahrnehmung sein. Was ist dann? Was nehmt ihr wahr?

Es gibt nichts zu erreichen.

Übungen der Imagination als Aspekt einer Übung

Nun gibt es Übungen, die euch auffordern, euch bestimmte Dinge vorzustellen, während ihr mit der Empfindung, dem Spüren, dem Atmen wahrnehmt, was passiert.

WurzelnDazu gehört die Aufforderung, Wurzeln aus dem Becken in den Boden wachsen zu lassen. Oder die Anweisung, vom Becken in den Boden zu atmen, kleine Sonnen in den Fersen entstehen zu lassen und vieles anderes.

Auf den ersten Blick klingt das identisch mit den oben erklärten, vorweg genommenen Ergebnissen. Diese Anweisungen beinhalten aber keine Ergebnisse an sich. Kein Meditierender wird irgendwann erleben, daß ihm Wurzeln wachsen.

Die Vorstellung, Wurzeln aus dem Becken in den Boden wachsen zu lassen hat einen konkreten Zweck. Diese Vorstellung führt dazu, daß unsere Achtsamkeit bei dieser Vorstellung in den Raum zwischen Becken und Boden führt. Es ist ein Trick, um unser Bewusstsein (im Sinne einer Wahrnehmung) dort hin zu führen. Selbst wenn es uns nicht gelingt, uns diese Wurzeln vorzustellen, dann sind wir bei dem Versuch trotzdem mit dem Bewusstsein an dieser Stelle – und je öfters wir diese Übung/Vorstellung machen, desto besser können wir unser Bewusstsein (im Sinne von Wahrnehmung) durch unseren Körper ‚bewegen‘.

Analog dazu führt die Vorstellung, wir atmeten durch unser Becken (oder unsere Füße) in den Boden, dazu, daß wir während des Ein- und Aus-Atmens mit der Wahrnehmung im Becken (oder den Füßen) sind und den Kontakt zum Boden intensiv wahrnehmen. Ich hoffe, es wird keinen von euch enttäuschen, daß ich noch keinen Meditierenden getroffen habe, der wirklich durch die Füße atmen konnte :).

Diese Art der Imagination innerhalb einer Übung ist sehr effektiv und sinnvoll. Aber auch hier kann es sein, daß wir beim Versuch, Wurzeln zu schlagen, subjektiv scheitern. Dann richtet ihr euere Wahrnehmung auf das Scheitern, die damit verbundene Emotion – nicht als Denken oder Analysieren, sondern rein als Wahrnehmung dessen, was ist.

Wenn diese Vorstellung nicht „funktioniert“ dann ist das auch ganz normal. Hier dürft ihr es aber weiterhin probieren – möglichst ohne den Willen, sondern eher im Sinne eines Geschehen-Lassens. Und wenn nichts geschieht, dann lasst das auch zu.

Diese beiden Ansätze zu unterscheiden ist vielleicht nicht ganz einfach – im Zweifelsfall fragt eueren Meditationslehrer (oder Yoga-Lehrer) einfach mal. Oder schreibt mir in den Kommentaren.

Samanera_(sculpture)

Über Steffen Rühl

Seit 28 Jahren beschäftige ich mich mit dem Spielen und Designen von Brettspielen, Rollenspielen und Videospielen. Mein Leben wird bereichert durch meine Familie und die Erfahrung der Meditation. Zu meinen Hobbys zählen Spiele, Fotografie, Musik und der kreative Ausdruck in allen Formen. alltagsmeditation.wordpress.com
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4 Antworten zu „Aus meinem Po wachsen keine Wurzeln!“

  1. Heidi schreibt:

    Wieder mal eine tolle Erklärung zu einem Hindernis, das sicherlich jeder (neue) Übende kennt. Das bringt mich wieder einen kleinen Schritt weiter, gibt mir mehr „Sicherheit“ beim Üben und wieder ein tieferes Verständnis von dem, was passieren soll bzw. nicht bzw. was „Geschehenlassen“ sein könnte;-)

  2. Steffen Rühl schreibt:

    Liebe Heidi, vielen Dank für Deine Rückmeldung!

  3. sophie0816 schreibt:

    meditationserfahrung von heute: also wieder mal spüren, wo der atem fliesst und ihn richtung boden schicken. noch vor dem boden, evtl. sogar schon im unterbauch kommt ein widerstand und ich nehme zum ersten mal gleichzeitig auch einen widerstand an meiner stirn wahr. und das sehr deutlich. als würde ich, wenn ich nach unten atme, auch in meinen kopf atmen und an beiden orten, auf die gleiche barriere stossen. vertiefung der einatmung passiert nach ca. 7 minuten von ganz alleine, aus richtung des bodens und der herzgegend. ausatmung bleibt gebremst. und trotzdem begegnet mir wieder diese gewaltige energie, die aufsteigen will. gehe nicht hinein und beende dann auch das beobachten.
    einen schönen tag 🙂

  4. Steffen Rühl schreibt:

    Hallo Sophie,
    vielen Dank für Deinen Bericht. Das Wahrnehmen der Barrieren ist wichtig, auch was genau passiert beim Ausatmen. Beides kenne ich aus den Übungen.
    Achte auch auf Deine Gefühle und nimm diese wahr. Es gab da vielleicht einen Moment vor dem Beenden der Übung.
    Wie sieht es mit Deinen Gedanken aus? Kommen und gehen sie? Folgst Du Ihnen?
    Liebe Grüße
    Steffen

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