Intensiverer Schmerz Dank Meditation!

oder „Vom Umgang mit menschlichen Gewittern“

Durch die Achtsamkeit in unserem alltäglichen Leben verschwindet die Barriere zwischen dem, was jetzt in diesem Moment passiert und unserer Wahrnehmung allmählich. Wir bekommen unsere Empfindungen, Gefühle, das Leben in dem wir uns befinden ungefiltert mit. Einige dieser Empfindungen sind schmerzhaft – zum Beispiel die Gefühle der Trauer, der Wut, das Gefühl der Wertlosigkeit – denn dahinter liegen große Ängste. Diese bezeichne ich vereinfachend als Schmerz.

Das bedeutet, wir bekommen in der Meditation unseren Schmerz ungefiltert mit. Wir sind nicht mehr in der Lage, ihn zu verdrängen und aus eigener Erfahrung wissen wir vielleicht, wie schlauchend eine wochenlang intensiv empfundene Existenzangst sein kann. Warum sollten wir uns also überhaupt diesem Schmerz aussetzen? Wäre verdrängen nicht einfacher?

Kurz gesagt, ja. Es ist einfacher.

Aber der Schmerz, den wir verdrängen, der ist nicht so verdrängt wie ein Ozeandampfer das Wasser verdrängt. Er ist nicht weg. Er ist weggepackt. Einen Schmerz zu verdrängen heißt, ihn dauerhaft im Körper zu speichern. Dabei ist es eine Eigenart des Schmerzes, daß er wahrgenommen werden will, denn nur dann kann er sich auflösen.
Das ist sozusagen die Aufgabe des Schmerzes.

Wenn wir ihm diese Möglichkeit entziehen, dann wird er sich immer wieder melden, wenn irgendetwas passiert, was diesen Schmerz anrührt. Dies kann auch in einer Phase der Entspannung passieren. Er meldet sich mit einem „Ich bin auch noch hier! Willst Du mich jetzt wahrnehmen, damit ich gehen kann?“. Wenn wir nicht bereit sind, dann schicken wir ihn wieder zurück in sein Gefängnis innerhalb unseres Körpers.

Wir alle kennen das Gefängnis – es sind z.B. die Verspannungen der Muskeln. Aber dahinter liegen gestörte Energieflüsse, deren Störungen uns krank machen. In manchen Fällen ernsthaft und lebensbedrohlich krank.

Lightning_Sturm_800px-Typhoon_in_Hong_Kong

Kommt weiterer Schmerz dazu, den wir wieder wegpacken, dann wird es irgendwann eng im Körper. Überall sitzt alter Schmerz. Und jeder einzelne Schmerz kommt regelmäßig zu uns und erinnert uns an ihn. Die Verdrängung geschieht immer unbewusster und wir bekommen sie irgendwann nicht mehr mit und leben mit den negativen Auswirkungen, den Krankheiten, der schlechten Laune und vielleicht den im folgenden beschriebenen Vulkanausbrüchen und aufziehenden Gewittern.

Daher gibt es nur eine sinnvolle Lösung:

Wir nehmen den Schmerz an. Wir geben uns ihm regelrecht hin. Denn nur dann kann er sich dauerhaft auflösen. Das ist schmerzhaft und unangenehm, aber auch schön und befreiend, wenn wir merken, daß unsere Angst vor der Angst unnötig groß war, denn oft ist das Erleben der Angst gar nicht so schlimm wie befürchtet. Wir sind über die Jahre gewachsen und können oft schon ganz gut damit umgehen.

Wenn wir die Angst nicht wahrnehmen, dann läuft das Fass (der gespeicherte Schmerz) über. Und je mehr wir verdrängen, desto schneller läuft es über.

Lightning_strike_jan_2007Folgendes Bild kann dies verdeutlichen: Wir speichern unsere Ängste wie eine Batterie die Energie. Aber irgendwann ist die Spannung zu groß, so daß jede (empfundene oder befürchtete) Zufuhr neuer Energie zu einer heftigen Reaktion führt. Wir sind so unter Strom, daß wir vielleicht heftige Schläge verteilen, wenn wir uns bedroht fühlen – sei es durch ausgelöste neue Ängste oder Anrühren der alten Emotionen. Dabei ist der Strom oder der Druck der uns zugeführt wird oft gar kein Angriff. Denn andere Personen wissen ja nicht, was in uns brodelt und was uns schmerzt.

Haben wir diesen Kreis der Verdrängung durchbrochen, unsere Ängste durchlebt, dann ändert sich auch die Sicht auf unsere Mitmenschen.

Wenn wir dann in der Nähe eines solchen Menschen sind und achtsam sind, dann nehmen wir genau wahr, was in einem solchen Fall geschieht: Wir sagen vielleicht etwas, das in ihm Emotionen auslöst, und die Reaktion ist für uns nicht erklärbar. Wie sehen die Verdrängung. Wir sehen, wie der Druck im inneren Vulkan immer weiter ansteigt. Unser Gegenüber ist dann geladen, unter Druck. Sobald wir mehr Druck zuführen, bricht der Vulkan wahrscheinlich aus. Er explodiert.

Was passiert also bei einem solchen Vulkanausbruch? Wir alle kennen uns oder andere, Lightnings_sequence_2_animationdie auf ein unbedachtes Wort, ein Mißverständnis etc. mit heftigen Reaktionen (Wut, Trauer) reagieren. Diese Reaktionen kommen daher, daß durch diese Situation alte Schmerzen angesprochen wurden und sich im Gegenüber riesige Ängste melden, die wahrgenommen werden wollen. Die ‚verständliche‘ Reaktion dessen, der von diesen Ängsten übermannt zu werden droht, ist klar: Schnell die Ängste wegpacken und dem Auslöser der Situation signalisieren, daß er NIE WIEDER den Schmerz aktivieren soll. Die Person wird vielleicht wütend, aggressiv, ist aufbrausend.

Vielleicht hat die Person das Ausbrechen des Vulkans auch im Griff und benutzt andere Taktiken, um ein Ausbrechen zu verhindern.

Diese Person entzieht sich weiterer Interaktion dann vielleicht durch eine Depression, ein Zurückziehen aus dem Leben. Auch dann kann kein Schmerz aktiviert werden. Oder die Person betäubt sich, mit Alkohol, Drogen, Fernsehen. Um die Summe der Schmerzen überhaupt auszuhalten ist das eine Strategie, die viele verfolgen. Und wir können uns einfach vorstellen, wie positiv sich der bewusste Umgang mit unseren Ängsten auf unsere Beziehungen zu Partnern, Kindern, Kollegen und Freunden auswirkt. Und wie schädlich der unbewusste Umgang für diese Beziehungen ist.

Die agressivsten, feindlichsten, aufbrausendsten Personen sind diejenigen mit den stärksten Ängsten. Es hilft im Umgang mit diesen Personen, sich dies ins Bewusstsein zu rufen. Ihre starke Reaktion gilt nicht uns, obwohl sie für uns bedrohlich oder gar gefährlich sein kann.

Darum ist es wert, daß wir uns um unseren Schmerz kümmern. Es verbessert unser Leben und das unserer Mitmenschen.

Liebt eueren Schmerz!

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

Samanera_(sculpture)

Über Steffen Rühl

Seit 28 Jahren beschäftige ich mich mit dem Spielen und Designen von Brettspielen, Rollenspielen und Videospielen. Mein Leben wird bereichert durch meine Familie und die Erfahrung der Meditation. Zu meinen Hobbys zählen Spiele, Fotografie, Musik und der kreative Ausdruck in allen Formen. alltagsmeditation.wordpress.com
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7 Antworten zu Intensiverer Schmerz Dank Meditation!

  1. sophie0816 schreibt:

    bei dem titel musste ich lachen. deine erklärungen und darstellungen sprechen mich immer sehr an. ich erkenne vieles wieder. doch eines fehlt mir auch hier, wie auch an so vielen anderen orten die zum aufbruch, zur auseinandersetzung mit sich selbst motivieren. niemand erwähnt wie laaaang (jahrelang) dieser weg ist. es klingt oft nach – mach einfach das und dann wird alles besser. naja, vielleicht wären die menschen auch zu sehr abgeschreckt und würden es gar nicht erst probieren, wenn sie das am anfang schon wüssten. vielleicht ist es doch gut so 🙂

  2. Steffen Rühl schreibt:

    Na, wir wollen ja nicht gleich allen mit der Wahrheit kommen 🙂 Dann würde sich doch keiner mehr in die Nähe eines Meditationskissens wagen! Es ändern sich aber recht schnell auch viele Dinge zum Positiven hin. Aber auch hier braucht es Zeit, bis wir das *sehen können*. Die Menschen um uns herum sehen die Veränderung, wir hingegen *fühlen* uns noch genauso (elend, manchmal) wie vorher. Aber irgendwann sehen wir die Veränderung.

    Die Vorstellung, dass es ein Ende des Weges gibt, ist nicht richtig. Alles was wir beim Beschreiten des Weges tun ist ein weiterer Schritt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Ziel ist nicht ein „erleuchteter Zustand“ oder „die komplette Befreiung“. Es gibt kein Ziel und es kann auch keines geben. Selbst die „Erleuchteten“ berichten von vielen weiteren Ebenen der Erleuchtung. Und ich glaube, sie schweben beim Beschreiten dieser Pforten nicht auf Wolke 7. Ich weiß nicht mehr, welcher es war, aber ein Guru berichtet vom Verlust seines Kindes und sieben Jahre der Trauer.

    Seien wir einfach damit zufrieden, jeden einzelnen Schritt zu machen. Und irgendwann sehen wir, was sich verändert hat. Das nehmen wir dann als freudige Überraschung hin. Und hier lehne ich mich so weit aus dem Fenster, daß die Achtsamkeit euer Leben verbessern *wird*.

    Für mich lohnt sich der Weg. Mein Leben ist um ein vielfaches besser geworden, ich bin im Reinen mit mir. Mir geht es trotzdem oft „nicht gut“. Aber es stört mich nicht mehr, es ist ein Zustand der eben dann so ist. Mein Lehrer, Rudi Baier, sagte einmal: „Nehmt nicht so ernst, wie es euch geht.“ – da denke ich dann gerne dran.

  3. Manfred schreibt:

    Hallo Steffen,ich erkenne einiges in meinem erleben und erlebten wieder und suche einen weg alte verdrängte gefühle ,Ängste ,Scham,anzusehen und das es sich auflösen kann nur wie? ich habe keine Theorie wie ich das anstellen kann..hast du einen tip für mich? lg manfred

    • Steffen Rühl schreibt:

      Hallo Manfred,
      Da Dir die verdrängten Gefühle bekannt sind, gib ihnen einfach etwas Raum. Erlaube ihnen, da zu sein. Auflösen können sie sich nur dadurch. Es gibt keinen aktiven Akt, die sie zur Auflösung bringen – ganz im Gegenteil. Jeder Versuch mit dem Willen da ran zu gehen, scheitert. Es ist viel einfacher: sie lösen sich selbst auf, wenn Du sie annimmst. Und es geht langsam und stetig, nicht schnell und auf ein Mal. Hilft Dir das?
      Liebe Grüße
      Steffen

      • manfred schreibt:

        Hallo Steffen,danke für deine Anteilnahme und mir wird bewusst und es hilft mir im dem Sinne weiter das es mir immer wieder vor Augen geführt wird Annehmen ist ein Zentrales thema in meinem leben.Jemehr ich versuche dagegen anzukämpfen sowie un meinem früheren kindheitserlebnisses da war verdrängung an der tagesordung wohin auch mit dem müll? und der ganze müllberg wird jetzt abgetragen und angenommen es sind meine gefühle das weiss ich.
        Eine Therapie soll dafür gut sein die Transformationstherapie damit man lernt anschauen bejahen und fühlen und auflösen..dann kommen auch wieder die positiven dinge in den raum wie selbstbewusstsein,selbstliebe und sich und sein herz finden! ich habe schon den richtigen weg ..liebe grüsse

  4. Steffen Rühl schreibt:

    Hallo Manfred,
    es ist ja auch nicht so, daß man Therapie macht und plötzlich alles annehmen kann – manchmal gelingt es ein paar Sekunden, irgendwann ein paar Tage und dann vielleicht dauerhaft. Ich habe bei mir über Jahre die Ungeduld erlebt, es möge doch endlich vorwärts gehen. Dabei ging es auch immer vorwärts, aber selbst habe ich das zwischendurch nicht mehr gesehen. Das Bild, daß jeder Schritt uns ein Stück weiter bringt auf dem Weg, finde ich hilfreich. Und daß der Weg kein Ende hat. Freue Dich, wenn Du Deine Fortschritte siehst, nimm aber auch an, wenn es grad mal so gar nicht vorwärts zu gehen scheint. Diese Phasen habe ich auch.
    Alles Gute! Und wenn Du das Bedürfnis hast, melde Dich einfach.
    Steffen

  5. Pingback: Du brauchst keine Angst zu haben. Oder Haarausfall. | Meditation im Alltag

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