Du brauchst keine Angst zu haben. Oder Haarausfall.

Zur Struktur der Artikels

Dieser Artikel besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil beschreibe ich einen Sachverhalt. Der zweite Teil beschäftigt sich mit meinen Erkenntnissen beim Schreiben. Ich freue mich auf euer Feedback, ob euch meine eigene Meditationserkenntnis (der zweite Teil) hilfreich ist.

Wie ernst nehmen wir unsere Ängste? 

Es gibt Sätze, da frage ich mich, ob überhaupt nachgedacht wird, bevor jemand spricht. Wenn ein wolfsgroßer Hund auf ein Dreijähriges Kind zuläuft, dann scheint ein „Du brauchst keine Angst zu haben“ doch irgendwie unglaublich dämlich zu sein.

Scared_Child_at_NighttimeDie generelle Aufforderung, Angst sei nicht nötig, drückt aber noch einiges mehr aus:

1. Angst zu haben ist schlecht

2. Angst kann man abschalten

3. Angst haben ist nicht angesehen
(„Ich“ habe keine Angst)

4. Ich nehme Dich (und Deine Angst) nicht ernst.

Während der dritte Punkt sicher stimmt, so sind alle Punkte doch totaler Humbug.

Angst ist, und das lernen wir in der Meditation recht schnell, Grundlage und Ursache für fast alles in unserem Leben. Angst entsteht dabei nicht durch einen willentlichen Akt, sondern ist ein ureigenes Gefühl, dass ohne unser Zutun auftaucht. Zwar können wir die Angst kultivieren, hegen, pflegen und aufbauschen (die Ursache ist dann eine andere Angst), aber wir haben keine Möglichkeit, den Impuls des Angsthabens an- oder aus zu schalten.

Wenn wir von einem Ziel im Umgang mit der Angst sprechen wollen, dann ist es die Achtsamkeit, die Angst im Moment des Auftretens wahrzunehmen. Dies verhindert das „Schwelen“ der Angst, das passiert, wenn wir die Angst ignorieren, verdrängen und wegpacken. Dies habe ich im Artikel „Intensiverer Schmerz Dank Meditation!“ ausführlicher beschrieben.

Nun heißt das ja auch, daß wir einem Kind (oder Erwachsenen) das Leben schwerer machen, wenn wir ihm Nahe legen, die auftretende Angst zu ignorieren. Denn die Angst lässt sich nicht dauerhaft wegpacken, ohne ungute Auswirkungen auf unser Leben zu haben.

Deswegen ist der Spruch „Du brauchst keine Angst zu haben“ so hilfreich wie zu einem Glatzköpfigen zu sagen, „Du brauchst keinen Haarausfall haben“, oder einem Einbeinigen den Tipp zu gehen „Du brauchst nicht humpeln“.

Was mir beim Schreiben auffiel

Nun machen wir einen Bogen zu Meditation im Alltag. Beim Schreiben (und vermutlich auch bei der Auswahl des Themas) ist viel erkennbar und sichtbar geworden. Was konnte ich beim bewussten Schreiben und Lesen alles wahrnehmen?

Beim Schreiben und Korrekturlesen dieses Artikels fiel mir eine Wut auf, die sich durch Worte wie „unglaublich dämlich“ ausdrückten. Wenn ich den Satz „Du brauchst keine Angst zu haben.“ höre, dann werde ich wütend.

Warum? Weil sich hinter meiner Wut eine Angst verbirgt. Beim Hineinspüren in diese Angst fand ich die Ursache: In meinem Fall die Angst, ich sei nicht gut genug, um so angenommen zu werden, wie ich bin – denn ich habe ja Angst. Diese Ursachen-Forschung ist in der Meditation nicht zwingend notwendig, das Erleben der Angst ist ausreichend. Durch eine Therapie können wir diese Prozesse aber stark beschleunigen. So lernte ich die Ursachen kennen und oft ist es uns hilfreich, unser Erleben einsortieren und verstehen zu können.

Psychologisch kommt diese Angst von der Trennung meiner Eltern und meinem Bemühen den verbleibenden Elternteil nicht auch noch zu verlieren. Beide Eltern zu verlieren bedeutet auf der Ebene der Wahrnehmung des Kindes konkret Todesangst – ohne Eltern haben wir keine Überlebenschance. Dieses Wissen ist fest verankert. Daher musste ich gut genug sein, um bei meiner Mutter bleiben zu dürfen. (Wie gesagt, es stand nicht zur Debatte mich weg zu schicken, es war die kindliche Angst davor.) Dabei ist es für die kindliche Seele auch unerheblich, ob die Eltern tatsächlich tot sind oder ein Elternteil einfach weg ist.

Auch wenn jemand für uns sorgt und der Tod üblicherweise nicht eintreten wird, selbst wenn beide Eltern sterben, so ist die Todesangt dennoch real und auch hier ist der Hinweis „Du brauchst keine Angst zu haben“ hilfreich gemeint aber komplett nutzlos. Viel wichtiger wäre in einem solchen Fall die Versicherung „Wir sorgen für Dich und sind für Dich da. Auch für Deine Angst. Du bist sicher.“

Ein weiterer Punkt, der mir beim Lesen auffällt ist Sarksmus, z.B.  in der Bildsprache (Der Glatzköpfige, der Einbeinige). Dahinter verbirgt sich meine langjährige Strategie, meine Ängste durch Witze und Sarkasmus zu verbergen. Beim Schreiben dieses Artikels hat sich dieser Mechanismus wieder gezeigt. Der Grund, warum der Mechanismus jetzt wieder aufrtitt, ist ein neuer Job, wen ich seit zwei Wochen habe und die damit verbundene Angst, ihn gut zu erledigen. Diese Angst vor der Veränderung und der neuen Situation (die normal ist) hat aber auch eine Seite, die in der oben beschriebenen Vergangenheit begründet ist und damit schädlich sein kann, denn sie hat in der realen Situation ja keine Ursache . Und hier ist Wachheit gefragt, damit sich keine Probleme durch meine Mechanismen ergeben:

Im neuen Unternehmen habe ich einen Chef. Auf einen Chef oder Chefin wird  üblicherweise eine Vater-Rolle projiziert (ein oft unterschätzter Fakt im beruflichen Leben). Hierbei sind bei mir Ängste aufgetreten, die, so alt sie auch sein mögen, bedeuten „wenn ich nicht gut genug bin, muss ich sterben.“. Die Wachheit wird mir helfen, mich nicht kindlich zu verhalten und selbst für meine Selbst-Sicherheit zu sorgen.

Ich hoffe, dass ich euch einen Einblick zum Thema Angst, aber insbesondere auch zum Thema Meditation im Alltag geben konnte. Denn die Auswirkungen sind sehr weitreichend und durchdringen unser Leben bis in den letzten Winkel.

Ich wünsche euch eine schöne Woche

Samanera_(sculpture)

Über Steffen Rühl

Seit 28 Jahren beschäftige ich mich mit dem Spielen und Designen von Brettspielen, Rollenspielen und Videospielen. Mein Leben wird bereichert durch meine Familie und die Erfahrung der Meditation. Zu meinen Hobbys zählen Spiele, Fotografie, Musik und der kreative Ausdruck in allen Formen. alltagsmeditation.wordpress.com
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4 Antworten zu Du brauchst keine Angst zu haben. Oder Haarausfall.

  1. Heidi schreibt:

    Hallo Steffen,
    wow, du hast wieder mal einen tollen Beitrag geschrieben.
    Mir gibt er Mut (ha, und das beim Thema Angst;-)), meiner eigenen Angst auch erst mal akzeptierend zu begegnen und mich nicht selbst noch für meine Angst „fertig zu machen“… oft sind es ja nicht mal nur die anderen, die einem sagen „Du brauchst keine Angst zu haben“ – das ist man ja auch ganz oft selber.. die Angst scheint einfach keine Berechtigung zu haben und man möchte sie einfach weg haben… sie soll nicht da sein, sie ist schlecht bzw. macht einen selbst auch zu einem minderwertigerem Menschen… denkt man selbst… Man nimmt sich selbst nicht ernst und steht sich damit auch selbst im Weg…
    Die Meditation ist sicherlich ein sehr guter Weg, die Angst erst mal nur zu sehen, wahrzunehmen, zu beschreiben und anzunehmen – nicht als Ich, aber als einen Teil von/ in mir… vielleicht wird sie manchmal schon etwas weniger oder verliert ihre Ungeheuerlichkeit dadurch, dass ich selbst sie anschaue und sehe… und wenn sie ihre Ungeheuerlichkeit nicht verliert, dann ist das auch ok…
    Hier finde ich auch, kann das Konzept vom „inneren Kind“ in Zusammenhang mit Meditation sicherlich gut greifen… ich sage meinem eigenen inneren Kind „Ich kümmere mich um dich – und um deine Angst! Du bist bei mir sicher!“ Und oft hat das erwachsene Ich ja auch tatsächlich Strategien mit der Angst umzugehen… und wenn nicht, dann kann er sich darum kümmern, wie dem inneren Kind Schutz gespendet werden kann…die Angst bleibt dann trotzdem und vielleicht hat das auch seinen Wert…

  2. Steffen Rühl schreibt:

    Liebe Heidi,

    Erst einmal Danke für Dein Feedback und ich freue mich, daß Dir der Artikel gefällt. Die Stimme, die in uns selbst sagt „Hab keine Angst“ kommt ja aus unserem Umfeld, aber auch aus unserer Kultur als Meta-Umfeld. Vielleicht ist es auch ein fehlinterpretiertes christliches „Fürchte Dich nicht“ das in unserer Kultur dazu beiträgt.
    Mit jedem losgelassenen Mechanismus verlieren wir auch ein Teil unseres Ichs. Schade, daß uns das dann auch noch Angst macht – Todesangst – denn das Ego fühlt sich ebenso bedroht 🙂
    Das Bild des inneren Kindes kann da hilfreich sein und Du wirst nach und nach feststellen, daß sich dann auch das Bild des inneren Kindes auflöst. Es verblasst und ist nicht mehr nötig.
    Die Ängste bleiben natürlich dauerhaft bei uns, aber wir halten sie nicht mehr fest. Sie entstehen, warnen uns und dann lösen sie sich wieder auf und erfüllen eine wichtige Funktion. Und wenn wir wach sind, dann stellen wir regelmäßig fest, daß sich wieder einige Ängste ‚festgesetzt‘ haben. Denen begegnen wir dann auch wieder mit offener Wahrnehmung, sobald wir dazu bereit sind.
    Kurz: Wir haben eigentlich dauerhaft etwas zu tun 🙂

    Liebe Grüße
    Steffen

  3. Johnk341 schreibt:

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