Wir können uns unglücklich denken. Oder glücklich. Beides macht uns unglücklich.

Wenn wir Stress auf der Arbeit befürchten, ein unangenehmes Gespräch uns beschäftigt, die Auseinandersetzung mit einem Menschen uns im Magen liegt, wir Angst vor der Prüfung haben – dann denken wir uns selbst unglücklich, denn die Situationen sind noch gar nicht eingetreten. Der Gedanke an solche Situationen entsteht aus der Angst, die in unserem Inneren auftaucht. Der richtige Weg ist, uns nur diesem Angstgefühl hinzugeben und es wahrzunehmen, um der Angst die Möglichkeit zu geben, sich aufzulösen.

Unsere Verdrängungsmechanismen kommen aber dem Ego zur Rettung und produzieren Bilder und Gedanken, mit denen wir uns beschäftigen können, die uns aber komplett aus der Wahrnehmung dessen reißen, was gerade ist. Echte Wahrnehmung und Achtsamkeit passiert nicht während des Denkens. Sobald wir einem Gedanken nachhängen sind wir nicht mehr in der Achtsamkeit, der Wahrnehmung dessen, was jetzt ist. Daher achten wir in der Meditation darauf, das Kommen und das Gehen der Gedanken zu beobachten, ohne uns mit dem Gedanken zu beschäftigen. Wir lassen den Gedanken ziehen. Er ist nicht Teil von uns.

Noch dazu betreten wir mit dem Folgen eines Gedankens ein verheerendes Hamsterrad.

Hamster_Dreamstime

Denn identifizieren wir uns mit einem Gedanken, lassen wir uns auf ihn ein, so geben wir ihm einen Freibrief, weitere Ängste zu beschwören, die uns durch weitere Bilder und weitere Gedanken in einem regelrechten Tagtraum gefangen halten. Ich bin sicher, ihr kennst das, daß der Gedanke an ein Gespräch, das uns unangenehm ist, uns nach wenigen Sekunden so weit von uns weg geführt hat, daß wir in Gedanken das Gespräch erleben, die Sätze sagen, die Antworten hören.

Dies geht so weit, daß wir sogar die Wut aufsteigen spüren, die der Satz auslöst, den wir unserem Gegenüber selbst in unseren Gedanken in den Mund gelegt haben! 

Denn unser Körper ist nicht in der Lage, zwischen echten Situationen und gedanklichen Vorstellungen zu unterscheiden. Das heißt, daß unser Körper bei der Vorstellung einer solchen Szene genau so reagiert als ob die Szene gerade wirklich passiert. Gesund ist das nicht! 🙂

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Unsere Muskeln verspannen, der Puls geht hoch, Wut durchflutet unseren Körper und das Schlimmste: Durch diese Wut enstehen neue Bilder, neue Gedanken, und schon fliegen gedanklich die Fäuste auf unser eingebildetes Gegenüber ein und wir stehen, gedankenversunken, mit geballten Fäusten in der U-Bahn und schauen so grimmig wie alle anderen, bei denen ein ähnlicher Film abläuft. Vielleicht auch bei unserem Gegenüber, der (oder die) das Ziel unserer Gedanken, der Wut und des Hasses ist.

Von all den unangenehmen Situationen, die ich in meinem Leben tatsächlich erlebt habe, waren sehr wenige so schlimm wie ich sie mir vorgstellt habe und keine einzige lief so ab, wie ich sie mir vorgestellt habe. Und wenn die Situation so ähnlich ablief, wie ich sie mir zig mal vorgestellt habe, dann deshalb, weil ich die Situation so lange „einstudiert“ habe, die Sätze parat hatte und damit die Situation selbst so habe wahr werden lassen wollen, wie ich sie in Gedanken geübt habe.

Hamster_everystockphotoIch möchte euch einladen, dem nächsten Gedanken zu erlauben, einfach weiter zu ziehen. Folgt ihm nicht. Genau jetzt, macht eine Pause beim Lesen und wartet, ganz wach, auf den nächsten Gedanken. Nehmt ihn kurz wahr und lasst ihn ziehen. Verlasst den Hamsterkäfig für einen Augenblick. Ich warte hier so lange auf euch und mache mir einen Kaffee.

Wenn ich einen solchen Gedanken wahrnehme, oder wahrnehme, daß ich einem Gedanken gefolgt bin, dann sage ich mir innerlich drei Mal das Wort „Imagination“. Erstens stoppt dieses Benennen den Gedanken und zweitens benenne ich, das was im Moment ist und das ist eine gute Übung, die unsere Achtsamkeit schärft. (Meines Wissens hat die Übung eine lange Tradition, ist Teil einer buddhistischen Übung, oder Zen, oder so, aber ich hab’s nicht so mit dem Merken von Details. Mir geht es nur um die Übung, und die ist klasse!)

Schlaue Menschen kamen dann auf die Idee, die Möglichkeit der Manipulation der Gedanken zu nutzen, um unsere Gedanken zu programmieren. Das nannte sich dann  „Positives Denken“. Die Anwender dieser Methode sind damit leider trotzdem in den Gedanken verhaftet, denn auch ihre positive Einbildung ist eine Imagination und trübt das Bild dessen, was wirklich ist.

ThumbsUpWir kennen vermutlich alle Menschen, bei denen alles „super“ ist, bei denen jeder Geschäftstermin „unglaublich geil“ verlief und die von anstehenden Groß-Aufträgen berichten, aber in ihrem Denken so verhaftet sind, daß sie die tatsächliche Situation gar nicht wahrgenommen haben. Vermutlich waren die Gesprächspartner einfach nur deshalb gut gelaunt, weil der Termin endlich vorbei war! Auch Menschen, die immer berichten, wie klasse es ihnen geht – immer und jedes Mal – strahlen oft eine Trauer und Angst aus, die in starker Diskrepanz zum Gefühl stehen, das mir vermittelt werden soll.

Irgendwann beschleicht diese Menschen dann eine große Ungewissheit und Angst bis hin zu Panik, wenn die Welt gar nicht so funktioniert, wie sie sich eingebildet haben. Und das macht sie unglücklich. Es ist also unerheblich, in welchen Gedanken wir leben – positiven oder negativen – solange wir in Gedanken leben, werden wir unglücklich sein.

Durch Meditation erleben wir nicht dauerhafte, schwebende Freude und Glückseligkeit. Wir erleben die ganze Bandbreite an Freude und Schmerz, ungefiltert und stärker als wir uns vorstellen könnnen. Doch beides ist dann nicht von Dauer und bestimmt nicht unser Leben. Wir können die Freude genauso ziehen lassen und ihr Ende annehmen, wie wir auch den  Schmerz wahrnehmen und ziehen lassen können. Die ganze Bandbreite von allem wahrzunehmen, was in unserem Leben ist, ist sehr bereichernd. Aber es ist nicht dauerhaft schön. Wenn das Deine Erwartung ist, dann bist Du im Bereich der Gedanken und Vorstellungen.

Lass sie ziehen.

Samanera_(sculpture)

Über Steffen Rühl

Seit 28 Jahren beschäftige ich mich mit dem Spielen und Designen von Brettspielen, Rollenspielen und Videospielen. Mein Leben wird bereichert durch meine Familie und die Erfahrung der Meditation. Zu meinen Hobbys zählen Spiele, Fotografie, Musik und der kreative Ausdruck in allen Formen. alltagsmeditation.wordpress.com
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2 Antworten zu Wir können uns unglücklich denken. Oder glücklich. Beides macht uns unglücklich.

  1. Patrik schreibt:

    Schön.

  2. es ist ja nicht das Denken alleine – es ist das festhalten an unseren Gedanken, was uns unglücklich macht
    Liebe Grüsse zentao

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